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Die
GedicHTe

von Carl Norac, Dichter von Belgien von 2020 bis 2022. 

Code gelb

Man sagt uns, endlich kehrten wir in die Welt zurück.

Als ob die Existenz allein vom Farbcode abhängt.

Orangig, gelblich, rosig mäandern unsre Leben

und manche Sonntage noch immer.

Was uns bleibt, sind Liebesschwüre,

auf Papier, das zu leicht gefaltet und zerknittert wird.

Zur Flucht heben wir die Lider, Schleier, Nerven, Sehnen,

Bögen, Bündel einem stets zu fernen Himmel entgegen.

Wir leisten Abbitte für unsren kleinen Aufstand

bei einem Kiesel, einem vergessenen Spruchband oder der See.

Menschlicher Rasse, vorgeblich starke Tiere,

laufen wir manchmal in unser Verderben,

die Arme erhoben, um erneut

den uralten Geschmack des Sieges nachzuahmen,

wie zu der Zeit, als wir als Kinder vor der

Unermesslichkeit des Wortes paradierten,

um der stolzen Freudenschreie willen.

Plötzlich erinnern wir uns der Momente,

die nie enden wollen,

die wir beiseiteschoben, mangels einer Hand,

die wir in unserer halten konnten, einer Nacht in unseren Fingern.

Trotz allem, was war, gehen wir

manchmal an Dichtern ohne Dünkel vorbei.

Wir bewegen unsere Existenzen

die zu schweren Möbel ähneln.

Wir versuchen, unsere Ängste zu zerreißen,

vor dem Rot, das im Osten blutet,

aus einem Krieg schwappt, in dem der Mensch

noch des Menschen Wolf ist.

Hierzulande behaupten wir nicht, das absolute Blau zu besitzen,

das ein Horizont mit einer einzigen, ausgewogenen Wolke unterstreicht.

Wir befinden uns an der Schwelle, wo sich die Reise andient,

wo die Wirklichkeit, ihre Aktualität,

uns zu Worten inspiriert, die nie gefällig oder endgültig sind.

Wir warten nicht mehr auf einen hellen Morgen,

weder auf eine rosige Zukunft noch auf das Lob des Graus.

Egal, was die Sonne dazu sagt,

in unserem unbequemen Leben stehen wir

ohne Zögern vor euch,

ohne unseren Schatten, jetzt und hier.

Anfangs seht ihr uns noch zu,

Passanten und Poeten, die wir den letzten Code verlassen,

wie man aus dem Nebel tritt.


–
Übersetzung: Christina Brunnenkamp

 

Dar vorhang

Und jetzt, schau, schaffe ich es nicht mehr

aus dem Graben. Sein Rand ist steil, rutschig.

Verflucht seien die, die ihn gegraben haben.

Meine Geduld ist bald am Ende.

(Wladimir Wyssotski)

 

Wann immer jemand eine Bühne betritt, ist da dieser Vorhang.

Dieser Vorhang, der einen umwirft, zu Fall bringt.

Sein Stoff ein mächtiger, ranziger Samt,

mancherorts geflochtene Fäden, eher Maulkorb als Spitze,

mit klingenden Schellen durchwoben, schrill wie

die Stimmen der Narren oder das Lachen der Lobbyisten.

Der Mann versucht aufzustehen, eine Frau reicht ihm die Hand.

Der Augenblick erhebt sich mit ihnen.

Sie gehen aufeinander ein und tanzen sogar neben den Gräben.

Doch dieser Vorhang schlägt erneut zu, metallisch,

erlegt sein Schlingern auf, schlägt zu statt einer vorgeschützten Welle.

Die Zuschauer verstehen nicht, warum sie,

obwohl ihr Mund bedeckt ist, den Saal verlassen müssen,

während anderswo wie zum Hohn erschallt:

«Hustet in den Kneipen, auf den Märkten, liebe Leute.

Der Glühwein fließt in Strömen. Wir sind nicht die Dummen heute!»

 

Immer noch und immer wieder stehen die Frau und der Mann auf,

vor diesem Vorhang, den sie jetzt zerreißen müssen,

den Bildschirmen, den Plätzen entreißen.

Jetzt, wo wir zu Unrecht Ziele sind,

bleibt keine Zeit, Freundinnen und Freunde,

die Sterne wieder anzuzünden

oder sich über die Sitzenden zu unterhalten.

Einzig drängt der Moment

des großen Ungehorsams.



–
Übersetzung: Christina Brunnenkamp

 

Zug und weg

Das Anderswo beginnt nicht mehr an Ihrer Schwelle.

Das Wort »Weg« selbst weicht vor Ihnen zurück.

Das Gold der Zeit liegt immer auf dem Bahnsteig der anderen.

Sie steigen in den Zug wie jeden Morgen

und öffnen die Hände, erblicken dort den Hauch eines Zweifels.

Wissen um die Bewegung, die Mechanik der Kräfte

ohne das Geschwätz gehetzter Schritte, flüchtiger Gesichter.

Plötzlich, zwischen ratterndem Rollen, raschelnden Zeitungen,

den Sprachen des Landes, dem dösenden Erwachen,

kritzeln Sie ein paar Worte, ein Gedicht vielleicht

und Ihre Zeile verschmilzt mit dem Horizont.

Alles scheint in Reichweite eines Atemzugs, Hügel und Städte

dienen sich in geheimnisvoller Stille zur Berührung an.

Die Gleise ein fliehender Satz ohne Satzzeichen,

in dem die Leute am Bahnsteig, Silhouetten im Regen,

heute als unwahrscheinliche Kommas fungieren.

Wer ohne Zufall oder Wunsch die Fahrt antritt,

findet sich manchmal in dieser leichten Schwebe wieder:

Was Ihr Tag auch bringen mag, lassen Sie sich langsam

von der Landschaft vor Ihren Augen durchdringen.

 

–
Im Rahmen des Europalia Trains and Tracks – Schreibresidenz des belgischen Nationalen Dichters auf der Linie Ostende-Eupen in November und Dezember 2021.
Übersetzung: Christina Brunnenkamp

 

Die freude al hindurchfahren

Für Caroline Pauwels und Marie-Hélène Caroff
–

Auf dem Fluss, auf den Kanälen kennen wir

keine andere Grenze als den Dunst.

Vor uns liegen nur Brücken,

die diese Menschen verbinden, die wir

hinübergehen sehen und von denen manche

seltsamerweise, wie wir finden,

nur von Mauern träumen.

Natürlich, dort ist die Schleuse, dieses Hebewerk

aus dem ein alter Klang aufsteigt,

wo die Vögel schnattern,

uns Zeit bleibt, eine Landschaft zu betrachten,

die kaum vorbeizieht, Morgengrauen und

Abendlicht zu preisen,

die heute in Kommas geträumt werden.

„Keine Grenzen!“, sagten wir uns an Bord

immer wieder, „Nicht einmal der Sprache.“

Denn plötzlich ruft man uns vom Ufer an,

ob man die Worte nun versteht oder nicht,

ist doch die Geste ähnlich,

die einfache offene Hand

in nächster Entfernung.

Wenngleich es zurecht Regionen gibt

und die Karten, die uns leiten,

uns daran erinnern, leben wir

doch auch hier, wir Reisende,

die diese Langsamkeit genießen,

mit der wir sie durchqueren wollen,

genauso frei wie die Wasserlinie,

und ohne irgendwelchen Belehrungen Gehör zu schenken.

Auf dem Fluss, auf den Kanälen

kennen wir auch weiterhin

keine andere Grenze als den Dunst.

 

 

Landestrauer

Wie wichtig ist es, eine Schulter aus Wörtern anzubieten,

wenn die Welt bebt

oder Menschen in der Strömung

zu Strohhalmen werden?

Ein Kind sieht im Wasser

ein Reh, ein Spielzeug, ein Auto vorbeitreiben.

Dann eine Frau, die über dem Kopf

eine Tasche schwenkt wie das Tagebuch eines Lebens.

Diejenigen, die Feuerwachen geschlossen,

die bis hin zu den Sandsäcken gespart haben,

wegen der Gesetze des Marktes,

wegen anderer, rentablerer Sanduhren,

sind da und ergehen sich im Mitgefühl,

tischen uns ihre Märchen auf,

ein sauberer Knoten in ihrem Taschentuch.

Sie kennen das Lied,

letztes Jahr angestimmt, als die Sonne durchdrehte.

Ja, darum durchwühlen sie jetzt eilig die Schubladen,

um sich hinter Wörtern zu verschanzen,

gemurmelten Lippenbekenntnissen der Solidarität,

den Ellenbogen fest auf die blutige Akte gestützt.

Ach, wie sonderbar und grausam ist es, dieser Tage

das Wort auszusprechen, das in der Liebe

oft mit dem ersten Blick aufflackert

und heute

zum einzigen Leitmotiv der Entschuldigungen wird:

unvorhersehbar.

 

_
Übersetzung: Christina Brunnenkamp

 

Für die Familie Abou Hatab

Im Flüchtlingslager Al-Shati war es der Tag des Fastenbrechens.

Trotz des Feuers in aller Munde, zogen sie sich festlich an.

Acht Kinder, zwei Frauen.

Sie kleideten sich unwissentlich zum Sterben im Kreise der Familie

Keine Zeit, in den Keller zu fliehen.

Die Hände wollten an diesem Morgen in Honig schmelzen.

Ohne zu vergessen, dass vor dem Fenster jederzeit Rauch aufsteigen kann,

mit lautem Pfeifen, lieber im Dampf eines Tees zeichnen

oder langsam das weiße Fleisch tranchieren,

mit glänzendem Messer als einziger Waffe.

Doch diesmal wurde am Ende des Fastens

aus Mädchen, Junge und Mutter

Kanonenfutter.

Andernorts geht auch der Waffenhändler

in den Keller hinab, sieht seinem Wein beim Reifen zu,

im Dämmerlicht dem Bodensatz, dieser ist zu jung, noch sauer,

warten wir auf die richtige Farbe, geschickter als Noah, der Weise

aus allen Büchern, damals in seinem Weinberg,

sollten wir der Traube das edelste Karminrot zu entlocken wissen.

Die Schüsse von dort weit entfernt, westlich von Gaza,

nannte man: Abschreckung.

Die Abschreckung zu existieren, zu atmen,

sich über Mauern hinweg zu verständigen

wie es so viele, in beiden Lagern, ersehnen,

sich gemeinsam dafür einzusetzen, nicht mehr eingesperrt zu leben,

eingeschlossen, eingekellert von der Geschichte.

Wieder acht Kinder, zwei Frauen,

eines Samstags morgens in der großen Presse

dieser einem uralten Durst geopferten Menschlichkeit.

Das Datum der Rückkehr zum Alltag nach dem Fest

haben Weise gewählt, indem sie den Mond beobachten,

der manchmal abends rot entflammt, ohne zu brennen.

Zu Eid al-Fitr feierte man in grauer Vorzeit den Regen

und die Mondfinsternis. Gestern regnete es nur Bomben,

sodass sich unsere Welt, nicht mehr das Nachtgestirn,

für lange Zeit verfinsterte,

im Zentrum einer Zielscheibe.

 

_
Übersetzung: Christina Brunnenkamp

 

Still standing

Aus dem überfüllten Zug,

dem Gewimmel der Menschen,

die ans Meer ziehen, um den Deich

mit ihrem Atem, mit Papierblumen zu füllen,

und ihre Wunden zu lecken,

geht er zum Theater

und betritt den leeren Saal.

Heute sollte er dort seine Wege beschreiben,

ein simpler Kratzer der Zeit, der sich in Licht verwandelt,

Gedicht wie Sand oder Kiesel, niemals Asche,

mit diesen scharfen Krallen,

die die Handfläche besänftigt gegen den Blick der anderen.

Niemand da. Vor der verschlossenen Tür

diese roten Stühle zugeklappt wie Austern,

im Stehen liest er trotzdem vor. Nicht für sich selbst.

Er schickt seine Worte in alle Winde,

dass sie als Landschaft dienen mögen, den Platz

der Abwesenden einnehmen, die sich, vielleicht,

durchströmen lassen hätten.

Bei der letzten Strophe hebt er die Stimme

schwungvoll, als ob seine Sätze

ein kleines bisschen Pulver enthielten.

Wer weiß? Die Poesie sprengt manchmal Schlösser.

Und genau das geschieht.

Durch diesen winzigen Luftzug zur Straße hin

strömen Passantinnen und Passanten langsam herein,

setzen sich, indem sie

die roten Samtmuscheln aufbrechen.

Nichts bewegt sich mehr.

Der Mann schweigt einen Moment

und diese erste Stille vor versammeltem Publikum,

die nur dem Gesetz des Glücks gehorcht,

sie gemeinsam zu durchbrechen,

zerplatzt plötzlich wie ein Gesang.

Was tut es gut, in sich ein Wort wiederzufinden,

das nicht gehorsam ist, sich nicht lässt binden.

 

_
Übersetzung: Christina Brunnenkamp

 

Tabula rasa

Das Jahr hat sich eingeschlichen und wir

müssen es mit unserem Atem einrichten.

Tabula rasa machen, sagtest du.

Dabei haben wir schon den Januar

wie ein leeres Versprechen über Bord geworfen,

ein bisschen Brot in den Himmel gestreut

und mit Blicken einen unsichtbaren Vogel gezeichnet.

In einer Reihe laufen wir stets ins Chaos.

Und doch betreten wir

diese Wege voller Hindernisse

mit den Resten eines Feuers, mit Unveränderlichem

und unseren Kartenhäusern,

Sandburgen, Leidenschaften,

unseren kostbaren Samisdats, unseren Vorsätzen.

Um unsere überbordenden Träume zu erfüllen

bleibt uns auf unserem Weg

an diesem Februarmorgen

das zaudernde Wort Hoffnung.

Eine Hoffnung ohne Erzittern, Strahlen oder Müssen.

Bis wohin schieben wir es

in unseren Häusern, auf Biegen und Brechen?

Wir legen es auf den Tisch,

dann auf die gerade aufgeschlagene Seite.

Mit diesem Wort als Emblem

entlarven wir zumindest

über die üblichen Visagen hinaus

zwei Lippen, darauf ein Poem.

 

_
Aus dem Niederländischen übersetzt von Christina Brunnenkamp

« À la suite de la publication du cinquième Poème National, le poète de la région germanophone Leo Gillessen a relevé un mot qui l’a inspiré pour écrire un autre poème. Carl Norac a souhaité le partager. Le mot « samizdat » lui est cher, lui rappelle son adolescence où il militait très activement pour la libération d’écrivains russes et roumains emprisonnés, et dont le samizdat demeurait l’ultime espoir d’être entendu et aussi d’exprimer leur art ».

Samizdat
–  jede Autorität misstraut denen die keine Angst haben

Wir schreiben
alles sofort nieder
was nicht wartet
da niemand verbieten kann
dass ich noch rede
und schreibe stets
alleine in der Nacht
dieser trostlosen Tage
aufgedrängt von denen
die sich ernsthaft
für wichtige Bestimmer halten
und sagen ‚das muss man unbedingt‘
aus Angst allein
vor der Drohung ‚Tod‘
sagen sie mit erhobenem Finger
‚den Tod vermeiden ja verdrängen‘
und weil sie sich erinnern
während sie noch reden
das niemand seinen Tod
jemals vermeiden kann
weil man ihn selber macht
wenn es denn dazu kommt
sagen sie weiter
den Tod der anderen
den müssen wir vermeiden
als ob man Schuld am eigenen Tod
auf andere verschieben könnte
oder den es Alten nehmen
noch für sich zu bestimmen
wie sie leben
was nun regiert ist pure Angst
die alle blühende Kultur
und alle Hilfe niederbrennt
und jetzt sofort
gilt es zu sehen
wie es zu führen ist
das eigene Leben
und wie zu begleiten das der anderen
nicht durch Drohungen
da Klarheit fehlt
und Angst den Geist entzündet
an der Glut der alten
nie gelöschten Feuer
nur freie Menschen
leben frei verbunden
daher ist jeder frei
vom Band der Drohung
sich zu lösen
das ihn an unglückliches
Überleben bindet
da ist der Haken Hoffnung
der höchstens dazu dient
die Hülle falscher Sicherheit
zu halten
schon aus der Kindheit
wissen wir wie falsch ist
was wir Sicherheiten meinten
so wie wir wissen seit Beginn
dass das Leben richtig ist
und dass in jedem Augenblick
uns stützt unglaubliches Vertrauen
in das was Leben ist
und Freiheit grenzenlos
in uns verwirklicht

 

Oh Käpt´n! Mein Käpt´n!

Als Jugendliche gingen wir uns im Stock Américain

ein Stück Eldorado kaufen.

Nur abgewetztes Leder, kein Gold,

oder dieser Jeansstoff, dem Himmel zum Spott,

der hier schon vor dem Regen ausgeblichen ist.

Wir kehrten aus Brüssel zurück, so strahlend

mit dem Bus, polierten unsere Stiefel und erhoben uns

wie mit Flügelschlag.

Lou Reed brachte mich später nach Berlin,

Jack London zum Pol und Patti Smith nach Charleville.

Mit wenigen Schatten weckte Cassavetes die Lust in mir,

eine billige Kamera zu erstehen und zu versuchen,

die andere Wahrheit der Welt zu zeigen,

die schon vor der Tür stand, in Reichweite.

Kinoclub der Schule: Auf dem Plakat

lasen wir lachend It´s terrific!

Orson maß uns mit dem Blick des Citizen Kane,

von dem wir irrigerweise annahmen,

er würde nach dem Abspann verschwinden.

So brav wir die von der Aufklärung beflügelte

Revolution paukten, beim Bier

glühten unsere Ideen weniger verlegen,

oder verharrten andächtig an weißen Gräbern.

Unterwegs, wenn wir Sonntage totschlugen,

kamen wir nicht weit,

Easy Rider mit aufgemotzten Mofas

oder Läufer über Felder und durch Nesseln,

einfache Maisdiebe,

doch großmäulig wie Kerouac.

 

Ich erinnere mich auch, dass ich, gerollt

in der Hand, mitgerissen von den Refrains

die »Grashalme« von Walt Whitman bei mir trug.

Heute Nacht verblasst merkwürdigerweise alles, wie du weißt,

unter einem schlecht gespannten Banner,

doch den Geist dieses Dichters,

der sich an Lincoln wandte, siehst du dort noch wandeln,

im Land des großen Fiebers,

herumirrend, als zähle er Stimmen:

Oh Käpt’n! Mein Käpt’n!

Und du sprichst ihm nach, widerwillig,

ohne weiteren Kommentar, noch Lobgesang:

Oh Käpt’n! Mein Käpt’n! Sag mir,

wohin treibt mein Amerika?

 

_
Übersetzt von Christina Brunnenkamp

 

Jener weg

Auf jenem Weg sind die Toten Zahlen geworden.

Du kennst dich aus in Biologie, in den Gesetzen der dir nächsten Welt.

Du weißt selbst düstere, alte Worte, die von der Sonne sprechen.

Und doch siehst du die Toten nicht mehr, die sich unserem Blick entziehen.

Auf einmal, aufgeschreckt in der Gefangenschaft

schlagen deine Gedanken frei eigene Wege ein

du sehnst dich danach, zumindest ein Gesicht zu sehen,

eine Hand, vielleicht geschlossen, doch mit klaren Linien.

Ist er noch menschlich, der Zahlenmensch, gerade wie eine 1,

2 sind gemeinsam weniger einsam, gebeugt die 3,

sitzend die 4, fliehend die 5, ein umgekehrtes Herz die 6,

dann die steife 7, als 8 zum letzten Tanz,

stolz erhoben wie eine 9 vor dem Sturz?
Soll man ihm, bevor er sich zur Ruhe legt,

nicht noch das freche Lied aus Kindertagen in Erinnerung rufen?

Oder ihm einfach so auf jenem Weg mitgeben:

« Du hast Unsichtbare bekämpft, gelacht, geliebt, gespottet,

abgewimmelt, entschieden, aufbegehrt, entwaffnet,

zum Glück hast du das Schicksal aufs Äußerste herausgefordert,

hast dich getäuscht, bejaht und widersprochen,

mitunter führte dich dein Schritt jenseits der Zeit.

Nun, liebe Freundin, lieber Freund, so trügerisch und flüchtig

diese Zeilen, mögen sie dich für eine Weile

aus der Misere der Qualen und Zahlen entführen.

Hier weder Litanei noch hehre Hoffnung,

die Nacht sei dir gnädig

wie eine späte Morgendämmerung:

Wer du auch seist, ob jemand dir die Hand hielt oder nicht,

wirst du zu jenem Weg, mehr denn je. »

 

_
Aus dem Niederländischen übersetzt von Christina Brunnenkamp.

 

 

Ansteckende hoofnung

Die Poesie hat mich erwischt.

Ich glaube, ich habe einem Satz

im Vorbeigehen die Hand geschüttelt

oder einer Unbekannten mit einem Stern in der Tasche.

Womöglich küsste ich die Lippen eines Zufalls,

der sich zuvor mir niemals zugewandt.

Die Poesie hat mich erwischt, mit ansteckender Hoffnung.

 

Schon eine Weile – ein deutliches Symptom –

warf ich mit Augenblicken um mich, woraus ein Lied entstand.

An keine einstudierte Sprache mehr gebunden,

des freien Wortes mächtig, existiere ich, widersetze mich

und hüte mich vor jenen, die von einem toten Land sprechen,

wo dieses Land uns heute alle angeht.

 

Gerade befragt man mich, das war ja klar:

»Muttersprache?« Der Atemzug.

»Aufenthaltsberechtigung?« Das Wort.

»Wo haben Sie sich das eingefangen?« Hinter Ihrem Spiegel.

»Was haben Sie vor, Fremder?«

Worte in die Welt setzen,

auch wenn die Welt verstummt.

 

Die Poesie hat mich erwischt.

Hab unter meinen Fingern leichtes Fieber

Ich hätte große Lust Sie anzustecken,

von Mund zu Mund, nichts tät ich lieber.

 

_

Übersetzung Christina Brunnenkamp
Met de steun van de Nationale Loterij en haar Spelers.
Met dank aan het Cultureel Samenwerkingsakkoord tussen de Franse en de Vlaamse Gemeenschap.

 

Gedicht für das Kind am Rande eines Blattes

Die Poesie nistet in einer kaum geöffneten Hand,

sie kann den Lebenslinien folgen

und sogar in einer Faust wohnen.

Sie ist der unverhoffte Atemzug, der in dir wachte,

wie Zeit legt sie sich auf den Augenblick und dauert an.

Willst du sie zähmen, nimm ein anderes Buch,

vergiss die Leute, die sie definieren.

Stets behält sie einen Vorsprung, den Flügelschlag

des Vogels, wenn du ihn fangen willst.

 

Ein Gedicht wartet nicht auf dich.

Es ist auch da, wo du es nicht beachtest.

Es will nicht unbedingt mehr strahlen

als ein Sprühregen, der sich amüsiert, eine Sonne, die sinkt.

Ein Gedicht bringt Blumen nicht zum Wachsen:

Es ist ein Wort zwischen zwei Lippen,

das die Welt vielleicht nicht retten,

doch das man hören wird,

es offenbart Geheimes, Liebe, Kampf.

Es wird noch singen, wenn andere niederknien

oder fliehen vor der Vielzahl ausgestreckter Arme.

 

Heute wirst du schreiben, gestehst du mir.

Nun gut, nur zu, gib dich der Schönheit hin.

Nach einer Seite oder ein paar Versen

eröffnen sich nicht selten Universen.

Ich sehe: Heute früh fühlst du dich so verdichtet,

du glaubst, du kannst

die Welt in Worte fassen,

den Augenblick unendlich scheinen lassen.

 

_
Übersetzung: Christina Brunnenkamp.
Met dank aan de Nationale Loterij en haar Spelers.
Met de steun van het Cultureel Samenwerkingsakkoord tussen de Franse en de Vlaamse Gemeenschap.

 

 © Bernard Demoulin

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