von Charles Ducal, Dichter von Belgien von 2014 bis 2016.
Jemand wartet in einer fremden Stadt
im Postamt auf einen Brief,
seit Jahren, doch die Zeit ist fiktiv.
Jemand wartet in einer fremden Stadt
auf etwas Liebes, in dem Wissen,
dass zuhause, im zeitlosen Jetzt, jemand
eine Tintenspur legt, die dort drüben,
im wartenden Blick schon singt.
So schreiben sie zusammen einen Brief,
der bestimmt kommen wird, heute noch,
jeden Tag wieder auf’s Neue. Vielleicht
rutscht er jetzt durch den Schlitz, eben beendet,
die Briefmarke – ein Kuss.
Vielleicht kommt er nie.
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Vertaling: Isabel Hessel en de andere leden van het Vertalerscollectief van Passa Porta.
Es ist still in der Straße. Nie kommt ein Mann
vorbei mit einem Brot in den Armen.
An einer Hand hängt eine Brille, hilflos
wie ein Tropfen an einem abgeschlossenen Hahn.
Der Frau im Rollstuhl wird nicht mehr wärmer.
Ein Fotoalbum, gegen den Winter hervorgeholt,
liegt wie eine Eingebung neben dem Öfchen.
Aus der Uhr hängt der Kuckuck kopfüber heraus.
Was ihr so fehlt, tastet in ihr herum,
wie ein Blinder, geführt von einem streunenden Hund.
Es ist still in der Straße. Jeden Tag wartet das Kind,
seit Jahren entwurzelt, unterernährt.
Es wird nicht mehr wärmer. Nie kommt ein Mann
vorbei mit einem Brot in den Armen.
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Vertaling: Isabel Hessel en de andere leden van het Vertalerscollectief van Passa Porta.
Wenige Orte sind so belgisch wie der Nordseestrand. Mit seinem zwölften Gedicht zieht es Charles Ducal ans Meer. Sein Urlaubsgedicht erscheint in Form einer Postkarte auf dem Festival Theater aan Zee.
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Ein Mutterleib in seiner Hängematte, so liegt sie
und wiegt sich. Zu ihren Füssen jagt im Winter
ein einsamer Hund. In Herbstregen starren leere
Seelen auf den verschwundenen Horizont.
Aber das Frühjahr ist ja nur nahender Sommer.
Ein bisschen mehr Licht, mehr Wärme reichen aus,
um die ersten, noch zitternden Körper aufzuknoten,
sie im Gesäusel der Muttersprache wiederzutaufen.
Dann wirft das Land seine Straßen und Schienen
wie ausgeworfenen Leinen ans Wasser, den Sand,
wird alles Fleisch lesbar und unvermeidlich
nackt im Auge der Sonne ausgelegt.
Das Meer ist die Mutter aller Belgier, die Stimme
in ihren Gliedern, der Flug in ihren Augen,
der Fisch in ihrer Haut. Menschenflecken, immer dieselben,
kindisch und klein, ich bin einer von ihnen,
der nachts, zurückgeblieben, dort liegt und
lauscht, stundenlang, wie sie näher kommt,
dann morgens erwacht zwischen schreienden
Möwen, ihr Salz schon im Mund.
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Vertaling: Isabel Hessel en de andere leden van het Vertalerscollectief van Passa Porta.
Die Öffentlichkeit reagiert schockiert auf die steigende Zahl der Toten vor den Grenzen der Festung Europa. Charles Ducal, Belgiens Dichter der Nation schreibt in seinem Tryptichon nicht über die Menschenschmuggler, sondern er beleuchtet unsere Zivilisation. Das Recht auf Migration ist – theoretisch jedenfalls– ein Grundrecht der Menschen, jeder Ertrunkene ein Schrei nach weniger Eigeninteresse und mehr Gewissen. Hören wir ihn?
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– 1 –
Wir liefen unserer Angst entgegen.
Hinter uns nahte etwas weit Größeres.
Wir hatten keinen Mut, hatten gehört, wie die Stadt…
wollten doch hinein, bevor das Tor sich schloß.
Wir hatten Kinder begraben,
hatten gelernt, wie eine Beute sich rettet
und unsere Scham für ein Stück Brot abgelegt.
Die Hofhunde schwiegen, als sie uns sahen.
Vor dem Tor standen Stiefel und Pferde bereit.
Wir schickten die Schwangeren, die Kranken voraus
in der Hoffnung auf ein Gesetz mit Gültigkeit.
Man jagte sie zurück, es machte nichts aus.
Nachts liefen wir durch die Kloaken
unserer Angst entgegen. Waren ohne Hoffnung.
Doch hinter uns nahte etwas weit Größeres.
Wir mussten hinein, so oder so.
– 2 –
Wie konnten sie das verstehen?
An Land gegangen, weil sie Häuser sahen,
darum dachten, dass Menschen darin waren
die man um ein Brot bitten konnte,
Wasser, ein Bett, ein Bündel Stroh zur Not,
die sich erzählen ließen von ihrem Geschick,
mit geduldigen Ohren, mit warmem Blick.
Doch welcher Gott hatte die Wesen geschaffen,
die nach Beweisen ihrer Ängste fragten,
ihre Verzweiflung ablehnten wegen Artikel soviel?
Die ihr Boot wieder in den Sturm hineinjagten?
Wie konnten sie wissen, das dies der Teil
der Welt war, der sich satt gegessen hatte
an den Tischen von den sie geflohen?
Wie hoffen, das Brot brechen zu sehen?
Dort standen die Häuser wohlgenährt,
mit vollen Müllbehältern, in ihrer Ruhe gestört.
Man wollte Dankbarkeit für jede Krume
ihrer Kultur,
von Schuldbewußtsein keine Spur.
– 3 –
Die unter uns sind und nicht existieren,
weil ihnen die Stempel fehlen,
sind nicht unter uns, obwohl sie existieren.
Ich habe einem einen Schlafplatz gegeben.
ein Mann, in den eigenen Augen entstellt:
Hautfarbe mißlungen, Lächeln verdächtig.
Ein Mann hat sich selbst ausgefüllt,
wie erwartet: aus zweiter Hand, überflüssig,
dennoch auf ein Leben aus, einfach so,
ohne Grund, ohne Beweis fortgejagt zu sein,
gefoltert, bedroht mit dem Tod.
Bloß eine Frau mit drei Kindern.
Die Frau krank. Very sick.
Darauf hatte er gehofft.
Wir hatten nur wenige Worte. Genug
für ein Brot, ein Bad, ein Bett für die Nacht.
Worte, die wir nicht mehr benutzten,
weil für sie kein Platz mehr war.
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Vertaling: Isabel Hessel en de andere leden van het Vertalerscollectief van Passa Porta.
Auch wenn die Waffen schweigen, ist der Krieg in zahllosen Köpfen noch nicht vorbei. Das zehnte Gedicht des Dichters der Nation erinnert an das Ende des Zweiten Weltkriegs (am 8. Mai). Inspiration für das Gedicht fand er in der eigenen Familiengeschichte während dieses Krieges.
–
-1-
Aufgereiht an einer Stallwand: eine Frau
mit zehn Kindern. Eine Pistole zeigt an:
die alle sind ihre, die zwei sind Juden.
S. neun, J. zwölf. Aus dem Spiel geholt,
vom Lauf der Geschichte berührt.
Angst denkt Feuer, denkt Pulverdampf und Blut.
Kennt nicht den Stern, das letzte Gepäck, den Zug
ins Lager. Ist nur ein Fleck, ein warmer Fleck
auf einer Kinderhose. Hört nicht die Stimme,
die links und rechts einen Kopf in ihre Röcke zieht,
dabei lacht: Ach nein, Herr, sie sind alle mein.
Sieht nur den Lauf, der glotzt, eine halbe Ewigkeit,
schließlich sagt: der Krieg ist vorbei.
-2-
Sie stammten aus der Stadt, die jüdischen Brüder
meines Vaters. S. kam manchmal vorbei,
ein bedrückter Mann, ein Kind an einer Wand,
lebenslang. Trank, hatte seine Bar Mizwa
mit Vierzig, leider vergebens. Rief
nachts nach meiner Großmutter, Angst
wie ein Loch in seiner Seele, das er reden ließ,
dreimal pro Woche bei einem Psychiater.
An einem Geburtstag ging er zum Gleis,
der jüdische Bruder meines Vaters.
Auf einem Hof in Brabant vor dem Lager
bewahrt. Niemals befreit.
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Vertaling: Isabel Hessel en de andere leden van het Vertalerscollectief van Passa Porta.
Am 21. März ist Welttag der Poesie, eine Initiative der UNESCO. In diesem Jahr legt Charles Ducal den Fokus auf Jugend und Poesie. Denn wo keine Jugend ist, da weht kein frischer Wind, ertönt kein neuer Klang. Der Dichter der Nation heißt sie jedenfalls mit seinem neunten Gedicht von Herzen willkommen.
–
oder Lob des Abenteuers
Sie gehen auf jungen Fingern
pfeifend wie Eroberer
an fremden Küsten,
wo andere Finger nie zuvor.
Sie müssen nichts bedeuten,
gehen zufällig, sich nicht bewusst
des Himmels, der schon eingefärbt ist,
nicht der Richtlinien unter dem Gras.
Ihre Spuren bilden keine Wege,
keine Brücken, sie verlieren sich
im Sumpf, über dem sie
Irrlichter pflücken, ein Entzücken
das in ihrem Mund aufplatzt.
Dort kommen keine Kröten raus,
auch kein Gold, nur das fröhliche Ticken
von Tropfen auf geduldigen Stein.
Mal in rot, das ist zum Erschrecken,
denn manchmal geht`s schief.
Doch falsch ist es nie.
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Vertaling: Isabel Hessel en de andere leden van het Vertalerscollectief van Passa Porta.
In dem Gedicht ‘Wort gegen Wort 2’ beschäftigt sich der Dichter des Vaterlands erneut mit der Sprache der Medien. Mit allzu vertrauten Fernsehbildern, die nicht an unserem Weltbild rütteln. Mit der Wahrheit, die zwar schwer zu akzeptieren ist, aber irgendwann ans Tageslicht kommen wird.
–
Da reift ein Wort in unserer Sprache, das es
in der Vorstellung des Schirms nicht gibt,
der mit Berichten aus der Hölle Gemütlichkeit verbreitet,
wo Fakten sich auftürmen können zu einem Bollwerk
des Glaubens. Ein Wort des Unglaubens, ein Licht
so grell, dass jede Tastatur es sich verbietet.
Es strahlt über die Grenzen hinaus, was sich
tagtäglich berichten lässt, als sei es nichts, eine tote Fliege,
ein Kind, das stirbt, ein Angriff aus der Luft
mit Toten in vertrauter Hautfarbe und Zahl.
Es reift heran in allem, was schweigt, was ohne Stimme
die Welt ist. Glaube ja nicht, du würdest gespart.
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Vertaling: Isabel Hessel en de andere leden van het Vertalerscollectief van Passa Porta.
Der Dichter der Nation regt uns mit seinem siebten Gedicht zum Nachdenken über den Begriff ´Kaufkraft’ in einer Gesellschaft an, die gleichzeitig großen Reichtum und bittere Armut hervorbringt und wo die solidarische Befriedigung der Grundbedürfnisse immer mehr zu einer Verantwortung des Individuums wird. Das Gedicht erscheint erstmals am 17. Oktober, dem Welttag gegen Armut.
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Nach seinem Tod wurde Gott flüssiges
Gold. Dergestalt kam er überall hin,
an sämtliche Orte, die er überströmte
bis man nur ihn noch als Gott anflehte.
Heißer als kokelnde Asche, kälter als Eis
drang er ins Innere durch Augen und Ohren
und zwang alle Hände nach seinem Gebot:
Wer ein Leben will, muss es sich erkaufen.
Wer kann, wird flüssig wie Gott selbst,
erwächst und ergießt sich über die Welt,
tausende Götter, einjeder der einzige.
Wer das nicht kann, hört auf zu bestehen,
ein Ruderer ohne Riemen,
ein Schwimmer im Morast,
ein Ertrinkender außer Atem,
eine Wespe im Limonadenglas.
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Vertaling: Isabel Hessel en de andere leden van het Vertalerscollectief van Passa Porta.
Der Dichter des Vaterlands öffnet mit seinem sechsten Gedicht das Tor zu einem neuen Schuljahr. Charles Ducal, der selbst als Freiwilliger Kindern nicht-belgischer Herkunft hilft, sich in unserem Unterricht zurechtzufinden, widmet das Gedicht allen Kindern, die „nicht mitkommen“ und allen Lehrern, die sich mit ganzem Herzen für sie einsetzen. Das Gedicht stellt in eindringlichen Bildern die Selektionsmechanismen unseres Bildungssystems in Frage, die so viel ungesunden Druck und Versagensängste produzieren.
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Als pflücke er Beeren für’s Marmeladenglas,
reißt September die Kinder vom Sommer.
Unter der Schule wird das Feuer geschürt.
Von glühenden Männer- und Frauenköpfen,
in langen Wintern gespalten und getrocknet,
funken die Ziffern und Buchstaben fort.
Ein Lineal rührt in einem Riesenschädel,
gibt jede Stunde ein Pfund Kreidestaub hinzu.
Gedanken, die sich am Rand festsetzen,
werden geduldig entfernt, das Ziel
der Stunde ist ein Platz auf dem Speicher,
Lungen und Zungen, die gut gegart
und geschwollen verkauft werden auf den Markt.
Juni schüttelt das Sieb: wer hier durchfällt,
landet in Schublade B. Über den Schülern
hängt ein Auge an der Wand,
das alles sieht, nie blinzelt oder linst,
nur schaut. Ein Auge wie eine Strick.
Die Kinder machen brav mit.
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Vertaling: Isabel Hessel en de andere leden van het Vertalerscollectief van Passa Porta.
Charles Ducal erinnert mit seinem fünften Gedicht ‘Soldat 1914’, das symbolhaft am 4. August 2014, also ein Jahrhundert nach dem Einmarsch der Deutschen Armee in Belgien veröffentlicht wurde, an den Ersten Weltkrieg. Das Gedicht huldigt einem Soldaten anno 1914, der unter entsprechender Kriegspropaganda an die Front geschickt wird, wo er den Tod findet.
Am 4. August 2014 präsentierte Ducal sein Gedicht während ‘Uitgelezen Aan Zee’ zum ersten Mal live, unter Belgeitung von Filip Jordens und Jokke Schreurs, die ihre musikalischen Versionen zu einzelnen Gedichten Ducals vortrugen.
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Der Hammer der Sprache hat seinen Schädel geknackt
und alle Räume eingenommen. Es ist noch sein Kopf,
doch wird er jetzt von etwas Größerem bewohnt.
In der Küche wird Proviant vorbereitet,
für seinen Anteil an Armen und Beinen.
Im Wohnzimmer schöpft die Tageszeitung das Böse.
So wird der Wille langsam losgeredet
von Hab und Gut und eingeschnürt
in die Uniform der Pflicht.
Ein uralter Instinkt wird aus dem Mottensack
hervorgeholt und ausgeschüttelt. Es stecken Löcher drin,
gewiss aus Angst, man kann sie aber dichten.
Großbuchstaben stopfen sie zu,
geben dem Tod seinen unsterblichen Sinn.
Seinem Tod, immerhin.
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Vertaling: Isabel Hessel en de andere leden van het Vertalerscollectief van Passa Porta.
Das vierte Gedicht des Dichter des Vaterlands heißt ‘Asche im Mund’ und richtet sich an den Staat Israel. Es klagt den zionistischen Terror gegen die palästinensische Bevölkerung – von 1948 bis heute – an, sowie den Missbrauch des jüdischen Glaubens und der Erinnerung an die Judenverfolgung durch die israelische Regierung, um die Kolonialisierung und rassistische Behandlung der Palästinenser zu rechtfertigen.
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Ja, Israël,
du bist nun einmal besser. Es steht geschrieben
im Buch Der Bücher. Es spricht aus deinem Blick,
wenn du sie nahen siehst: in fanatischem Gewande,
voll Staub, ihre Pässe bereits in der Hand.
Du betrachtest sie wie ein Schöpfer des Wassers
in einer Welt aus Sand. Sie wohnen zufällig,
ohne Verheißung, können fortgefegt
wie verdörrte Blätter. Dies ist dein Land.
Du hast gelernt, die Angst vor Verfolgung
am Leben zu halten ohne Angst, arrogant
wie der Mann, der seinen Feind selbst gewählt.
Du schlägst ihn nieder. Du bist bedroht,
die unbeglichene Schuld gibt jedem Bulldozer,
jedem Tank das Recht auf grenzenlose
Sicherheit. Mit eigenen Augen sahst du den Tempel
verwüsten, die Pflastersteine unter den Hufen
der Kreuzritter bluten. Du bist zweitausend
Jahre alt, warst dabei in Treblinka, Schirmeck
und Dachau. Hast du auch ihr Wasser gestohlen,
ihre Kinder beschossen, sie hinter Stacheldraht
geschlossen, so bist du nun einmal Gottes Volk,
auserwählt auf eben jenem Grund.
Wer unter deinen Wäldern, Wegen, Städten
das alte Dorf noch schreien hört,
kriegt Asche in den Mund.
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Vertaling: het Vertalerscollectief van Passa Porta.
Sie haben noch zwei Tage bevor sie wählen müssen. Der nationale Dichter Charles Ducal möchte Ihnen dabei gerne helfen und hat für Sie das Gedicht ‘Wahlempfehlung’ geschrieben.
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Das Gedicht wurde von den ‘Sechs von Löwen’ inspiriert. In Löwen wurde, auf Anfrage des ABVV Flämisch-Brabants, auf dem Quinten-Metsys-Platz ein Monument errichtet. Die beiden Künstler Lucas Bernaerts und Luc Cauwenbergh gestalteten die sechs Demonstranten für Allgemeines Stimmrecht, die am 18. April 1902 von der Bürgerwacht erschossen wurden, in Marmor und Kupfer – als bleibendes Mahnmal.
Vertaling: Isabel Hessel en de andere leden van het Vertalerscollectief van Passa Porta.
Das zweite Gedicht des Nationalen Dichters Charles Ducal, eine Parabel vom Arbeitsmarkt den Arbeitnehmern von Ford Genk und ArcelorMittal gewidmet, erscheint am 30. April in De Morgen, L’Avenir und GrenzEcho anlässlich des Tages der Arbeit.
Weil dieses zweite Gedicht ein Lied ist, haben zwei Gipfelmusiker zusammengearbeitet. Jokke Schreurs hat den Text vertont und Filip Jordens singt das Lied. Am 1. Mai bringen sie das Lied zum ersten Mal vor dem Publikum. Charles Ducal bringt das Gedicht, zusammen mit den Musikern, auch am 11. Juni, dem ersten Abend des Felix Poetry Fesival in Antwerpen.
Für die Arbeiter von Ford Genk und ArcelorMittal
–
Nie trug der Baum so viele Früchte,
doch die Zeiten sind hart, sagt der Herr.
Er nimmt zwei Leitern fort, die Pflücker,
die bleiben, pflücken nun mehr.
Nie füllten sich reicher Böden und Keller,
doch der Teil der Pflücker nimmt ab.
Zwar pflücken sie länger und schneller,
dem Herrn ist ihre Arbeit zur Last.
Woanders klettert man mit Hunger in den Baum
und steigt mit Hunger wieder hinab.
Das weckt im Herrn die Hoffnung auf Gewinn:
gleich wird der Obstgarten umgehackt.
Auf fernem Grund wird ein neuer gepflanzt.
Zum Abschied erhält jeder Pflücker
einen Korb voller Früchte. Die Zeiten sind hart,
wenn unter einer Leiter ein Mann steht, der weint.
Ohne Baum ist ein Pflücker eine Hand,
die erstarrt, im luftleerem Raum,
in die täglich ein Almosen fällt.
Ein Almosen macht faul, meint der Herr.
Und schickt seinen Priester vor mit Dem Wort,
dass der arbeitslose Pflücker sündig spricht
und ihn anspornt, auf die Suche zu gehen
nach einem Baum. Irgendwo wird noch einer stehen.
Moral:
Erst als der Arbeitsmarkt verschwand,
lag die Arbeit vor der Hand.
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Vertaling: Isabel Hessel en de andere leden van het Vertalerscollectief van Passa Porta.
Von allen Wörtern sind unsere die Schwächsten,
liegen sie auch unwidersprochen im Mund.
Niemand erhört sie, niemand entehrt sie.
Sie küssen die Sterne, sie sind ohne Grund.
Andere Wörter bewegen Arme und Beine,
füllen Schädel, entzünden die Kehle.
Ein Messer im Rücken wird Streicheln genannt,
ein Tritt in den Magen notwendiger Verkehr.
Das andere Wort reimt sich nicht, beweist einmal mehr,
dass die Wirklichkeit zu deiner Zeitung paßt.
Es drückt auf die Augen, der Fernseher springt an,
führt hinters Licht. Macht uns düster und bang.
_
Gedicht übersetzt von Isabel Hessel und den anderen Mitgliedern des Passa Porta Übersetzerkollektivs.
© Karoly Effenberg
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