von Mustafa Kör, Dichter van Belgien von 2022 bis 2024.
auf deine zerrissenen manchmal mit
grinsenden steinen gepflasterten wege
begab ich mich, einem blutkreislauf gleich
wollte schätze aus deinem lehmboden heben
doch wusste ich nicht woher also zog es mich ans meer
wo ich die segel hisste einem einsamen zenit entgegenging
der ruhmreiche stab der vorfahren, der einem besungenen
baum entstammte, wies mir den weg wenn ich schwankte
während ich fieberhaft nach dir suchte, ergriff er das wort
vorweltlich war seine sprache
ein zittern das aus dem bauch der erde emporstieg
zog durch uns hindurch bis wir beide einsahen dass
es einerlei ist ob wir die sprachen des anderen verstanden
sobald wir das begriffen, kam der erlösende abschied
von denen die nicht nur mit den augen lieb gehabt
–
Duits van Isabel Hessel
Versprechen sind des, nach denen du greifst
prasselnd wie gut gelagerte Bienenstöcke
Ein Blick genügte um mehr zu verlangen
vom Leben
Du schlenderst an Rücken entlang, pflückst hier und
da Früchte von vollreifen Regalen
Immer wenn du eins in Beschlag nimmst, leuchtet‘s
in Körper und Geist
Gebannt von mehr Licht hetzt du seither
von und zu deiner Gewinnregion. Die erhoffte Beute
ist Blattgold und Einsicht
Unter diesem Gebinde liegen Weltwunder
wie Süßigkeiten zum Greifen nah. Das war dir
von Anfang an klar. Vorbei an Mutters Rockzipfel
schautest du auf, dein Urknall erscholl
–
Übersetzung: Isabel Hessel
ein eisernes meer lag zwischen uns
von der gegenüberliegenden seite her spülte ich
an und fand dich an der kargen küste
wellen waschen dich, sie bahren dich auf
geben dich frei in deiner großen einsamkeit
einsamkeit ist eigen am schöpfersein
beuge ich daher den kopf hole ich daher
gebete für deinen übertritt hervor
wenn man dich vergisst, frage ich mich
solch ein tod, wird er auch uns ereilen
oder erbarmen
dein letzter atemzug
schlug wellen die mich zu dir brachten
eben berührte ich deine küste bevor ich
jn den sturm trat der nichts mehr brachte
als verspätete verse in der stille die du hinterlassen
–
Übersetzung: Isabel Hessel
Dies ist kein Abschied
Es ist für die, die
Mit dem Körper lieb haben
_
Übersetzung: Isabel Hessel
Du erwachst und erblickst eine zerrissene Welt
Wächst augenblicklich zu einem Erwachsenen heran
Der seine Tränen vor Eltern unterdrücken muss
Du willst die Erde wieder in den Schlaf wiegen
Sagen dass alles gut werden wird
Wie es die Poster an deinen Wänden versprachen
Kind sein hieß warten und unterzugehen
Doch jetzt hast du die erste Wahl
Such dir nur eine Zukunft aus
Aus der Lostrommel die ich dir brachte
Auf dass du eben noch Kind bleiben kannst
Du Erfinder des herzlichen Lachens
–
Übersetzung: Isabel Hessel
dubistschönsoschön oh du bist so schön du bist die schönste
in deinen augen kann man sich verlieren so schöne augen hab
ich nochnie sie funkeln so herrlich deine lippen sind wunder
samgeformte herrlich rosenrote glänzende lippen wirklicheinzig
artig und so küssbar deine hände deine finger oh gott wie mit
malerbleistiftengemalt rank und schlank wie reben im sonnen
licht die sich ehrrfürchtig verneigendein lachen deinentwaff
nend herzliches lachen das sorgen vertreibt einlädt neben dich
zu treten und generös zu sein wiedu du lieber liebstersanftester
soschöner mensch den ich schon immer lieb hatte ich liebedich
dich
–
Übersetzung: Isabel Hessel
Ich bin ein fremdes Kind das
von überallher angespült
das ABC des Schamanen spricht
Grenzen und Fahnen sind mir fremd
ich kenne jeden Winkel des Morgens und des Abends
wohin ich komme öffnen sich Ohren und Augen
Ich plaudere Sevillanisch deklamiere Spoken Words
und singe Lieder die man begreifen will
sobald man sie einmal richtig gehört
Doch mein Akzent mi! là. si. da. non, bro
versetzte das ان شاء الله nur so viele Baken
wie er palavernden Münder zum Schweigen bringt
Ach ich bin nur ein fremdes Kind
mit einer fremden Sprache das Gebärden braucht
oder Rauchzeichen um gehört zu werden
Jede Sprache sei ein Mensch hat man mich gelehrt
und je mehr Sprachen ich spräche
desto mehr Mensch würde ich sein
–
Übersetzung: Isabel Hessel
Zum Baumsein braucht es heute Mut
Auch du wirst das erkennen
Obschon dein Los ausschlagender Kummer wurde
hegst du noch Hoffnung auf einen uralten Beginn
Der Schwanengesang der Schwarzen
Allein mit meinem länger werdenden schwindendem
Schatten der einst die ganze Welt in sich barg
von Legionen bis zu jungen Kraftprotzen
Wie wird es euch ergehen
zwischen Bergen aus Beton
wo weder Vogel noch Wolf
Ich bin ein alter Baum
meine Tage sind gezählt
Ein Weilchen zittre ich noch
Bevor ich aber gehe
verstreue ich meinen Mut
über Gottes Erde wie ein Gebet
–
Übersetzung: Isabel Hessel
An die tiefsten Gruben
haben sie ihre Männer
abgetreten, ihre Söhne
Schuften im Herzen der Düsternis
wo prähistorische Kolosse ruhen
Man darf da hinabsteigen, das ist eine Sache
unversehrt wieder hinausgelangen eine andere
Lockruf oder Sirenengesang
Irgendetwas hat sie im Bann
Das Gold der Erde läge dort
begraben unter Myriaden von Gestein
Dort ziehen sie ihr schwarzes Brot herauf
bis blutig sie sind, sie Bröckchen husten
Doch so ein Frauenherz weiß mehr
Für die, die mal geboren haben
ist nichts so schwer wie zurück zu bleiben
In Arbeiterkreisen gebiert man
um des Brotes willen Helden, wer soll sonst
dem Dunkel trotzen, der Gefahr
Zwischen geschundenen Händen und Lungen
bringen sie ihr Licht schließlich heimwärts
um es über dem Esstisch auszubreiten
–
Übersetzung: Isabel Hessel
Farewell – Lebewohl
Dies ist ein Abschied des Bedauerns
Ein Reisender hat nun mal unterwegs zu sein
Gesund und wohlbehalten
Von und zu
Geliebten
Eine wummernde Stadt
Lebe. Wohl.
Wohlfahrt. Wohin?
Dies ist keine Reise, doch nicht für Meinesgleichen
Spast, debil, senil
Hindernisse nimmt man, wenn sie sich vor einem auftun
Doch wie steht es mit Hürden? Gar Gegenwind?
Tag für Tag dieses Ringen auf Schienen auf Asphalt
Lautstarke Willkür, wo Herren nicht aufstehen
Lieber brav davor knien
Der Leidensweg des Tagesausflüglers
Die Reiseroute der Lämmer und der Blinden
Ich werde nichts mehr fürchten
sobald es jedem ein Ärgernis ist, wie wir verfahren
mit Hilfsbedürftigen und dem Stillstand auf Bahnhöfen, in Wartesälen
Mobil oder behindert
Doch wozu sich noch aufmachen, da wir ohnehin stranden?
Stranden. Steckenbleiben. Zum Stillstand kommen.
Kann man mühelos im Knöcheltiefen
Wir wollen Meer
_
Übersetzung: Isabel Hessel
Bei diesem vorzeitigen Abschied
gerät alles aus dem Takt
krähende Hähne, Kinderchöre, mein Herzschlag
Dein Fenster gab
den Blick frei über die Dächer
die Felder eines flämischen Dorfes
an klaren Tagen die Türme der Hauptstadt
Du wolltest leben
Hingst deine Jacke an einen fernen Ort
von dem keiner je gehört
Was macht es schon
dass Frieden herrscht
ob die Ernte gut ist
Erinnerungen an
alles trägt das Parfüm mit
einem Hauch von Blumen etwas Herbst
Die Straßenkatzen
das Mädchen von gegenüber
sie alle kennen deinen Namen
deine Geschichte vom Aufschrei bis zum Atemzug
du bist hier
Bruder, Freund, Nachbar, Kind von allen
Wie Laubfall im Mai
überzieht dein Geruch Dorf und Feld
verfrüht
–
Übersetzung: Isabel Hessel und das Übersetzerkollektiv von Passa Porta.
erhebe den kopf aus dieser dunklen stunde
unser weg wird bald frei unser gang wieder leicht sein
während wir orte betreten wo von mündern
abgespartes brot uns stärkt
wir werden einander jetzt
worte geben und keine haben
lebendige gelenkige wörter wo wir
aufgeräumte aufgeklärte gedanken wodurch du
gekrümmt wirst um noch gerader
noch barocker dichtend zu öffnen die herzen
die zimmer und grenzen darin wir sinnieren bis
der mensch sich schließlich selbst zersetzt sich
unterwegs zu dir eine gereinigte stimme beimisst
erhebe den kopf
es zählen weder kronen noch folger
wir sind schon die erde zu der wir vergehen
werden auch dieses neue leben zu bändigen
verstehen denn wir die geduldigen bauern
ernten für einander für später
_
Übersetzung: Isabel Hessel und das Übersetzerkollektiv von Passa Porta.
© Bert Potvliege
Unseren Newsletter abonnieren
Auf Französisch
Charlotte Poncelet
Maison de la Poésie et de la Langue française
*
+32 (0)81 22 53 49
charlotte [@] maisondelapoesie.be
Auf Niederländisch
Die Dichter*in
Die Partner