Die
GedicHtE

von Ruth Lasters als Dichter von Belgien

Grase dann, Grautier

Ach, die Zebras werden später, mein Herz, über diese Erde herrschen.
Sie, Meister darin, jenseits von Schwarz-Weiß zu essen, trinken, traben
über alle Vorurteile und Missverständnisse hinweg.

Und sie werden herdenweise aufrücken von der Küste bis
in die Städte, alle Extreme mit ihrem Fell versöhnend,
dem starken Kontrast.
So viel grau gewordenes Gras von Schlachtfeldern werden sie grasen
dass irgendwann ein Fohlen geboren wird, grau gestreift: Nuancierung
auf vier Beinen, auf denen der Weltfrieden endlich
angeritten kommen will. Glaubst du? Glaubst du? Ja, ja gewiss.

Aber fürchtest du nicht, dass
gerade Diktatoren Zebras statt Schafe zählen in der Nacht,
vorzugsweise jeden und alles, der nicht zwischen den Zeilen liest
in Jasager und Widersacher einteilend?

Als zählten sich Tyrannen in den Schlaf, was für ein Humbug, Unfug.
Das Gefühl, im Traum zu fallen, das jeder kennt,
rührt daher, weil irgendwo in weiter Ferne ein Despot
seiner Gräueltaten zum Trotz
völlig unbehelligt schlummert, oder?

Könnte es nicht sein, dass ein Zebra geboren wird
immer wenn ein Götterkind hier droben
seine Venn-Diagrammen-Lehre-Hausaufgabe
nicht macht
den Durchschnitt all dessen nicht schraffiert, was Menschen verbindet: Sicherheitsbedürfnis,
Anerkennung, Zärtlichkeit.

Möglich ist vieles. Aber schwöre mir, schwöre mir Lieber, Liebste,
dass du meiner Herde aus Wir/Sie-Gedanken, wenn sie das nächste Mal heranstürmt,
Grautöne füttern wirst aus deiner Hand, aus deinem Alle-anders-Herzen,
deiner Flügelschlagader. Bitte küsse mich dann, mondlos, gern auch ohne
Zucker, einfach schwarz ohne
Angst prace que la nuit, tous les zèbres
sont gris.

Übersetzung: Isabel Hessel

Et nous? Was ist mit uns? Glaubst du etwa, sie würden uns jetzt,
nach dem Louvre-Raub, extra absichern? Hundert nagelneue Kameras
überziehen seither Paris und verschiedene Notmaßnahmen. Natürlich haben wir davon gehört.
Wir, Muscheln, sind schließlich nicht taub, on n‘est pas sourds. Sperrangelweit
hat Broodthaers uns gekocht, bevor er uns zur Kunst erklärte.

Moulice de Patelle und Cat Coquillette dort drüben
glauben anscheinend, man werde rasch einfach Panzerglas mit Sensoren
über unsere Kasserole Grande stülpen. Tja, deren Fleisch
hat Marcel roh entfernt. Au, aie! Scharnierschaden.
Die Kontrolle verloren, na klar, dann wartet man gleich schneller auf Godot.

Ali À l’Ail de Bouillabaisse heult es bisweilen aus den Tiefen
unseres Topfes: „Wir sind die Kronjuwelen der kritischen Kunst,
„die Hülsen des freien Wortes“, wie Marcel es selbst sagte.“
Uns derart schutzlos ausgeliefert zu lassen, ist wahrlich die verkehrte Welt
when art becomes Arc de Tr(i)ump und russische Regiestühle fleischfressend sind.
Sie klappen zu und schwupps, verschwunden ist ein skeptischer Cineast.

Les Demoiselles Au Vin da am Rand (nach einer solchen Zubereitung wird man
ohnehin nie wieder ganz nüchtern, pur „Natur“)
wollen anscheinend, dass unsere Kasserole spektakulär gestohlen wird
(inklusive akrobatisch ausgewichenen Infrarotstrahlen), um sodann über
einem Despoten ausgeschüttet zu werden, der sich unseretwegen
hoffentlich wieder an das Meer erinnert, das Wasser, das Eine und das Ur-
von allem und jedem, unseren gemeinsamen Ursprung.

Solange man nicht auch uns, die Botschafter der freien Künste, zusätzlich schützt:
Streik, la grève! Tag für Tag machen wir einen Nanomillimeter
mehr dicht, aus Solidarität zu all jenen, die man mundtot macht.
Zeitungen werden demnächst titeln: „BERÜHMTE MUSCHELN
MYSTERIÖSERWEISE GESCHLOSSEN“. Mit allen Weichtieren der Welt ensemble,
aber nicht mit les moules de Broodthaers!

Übersetzung: Isabel Hessel

Hey psst, soll ich dir heimlich die Fragen des
belgischen Einbürgerungstests verraten, den bald alle ablegen müssen,
vom neuesten bis zum ältesten Belgier (vielleicht ist es nur
ein Gerücht, wer weiß). Alors, approchez-vous:

Pourquoi Magritte n’a-t-il pas allumé la pipe de son tableau célèbre?
Warum steigt kein Rauch aus Magrittes berühmter Pfeife?

Um die Prüfung zu bestehen, musst du natürlich selbst
erst darauf hinweisen, dass es eine Fangfrage ist, die man dir stellt,
sagen

in einer Landessprache deiner Wahl: Dit is geen pijp. Das war dir auch sofort
klar, n’est ce pas? Doch erzähle es weiter, den neu Angekommenen, den Hoffenden,
vielleicht sogar einem Diktator Entronnenen,
der weder Kunst noch Frieden raucht, nur sein Sonnnenkönig-Ego
sous son soleil getrocknet.

Um gut abzuschneiden, heißt es nun laut zu fragen, was
der Examensprüfer genau damit meint, es würde „Rauch“
fehlen: einfachen Tabaksrauch oder doch schwarz-gelb-roten

Paraderauch, gemischt mit Zwinenmeernebel, Sprachgrenzendunst, Wetstratese
Schlummerschlieren und den schönen Nebeln im Hockai-Tal
als führten milles moules ein Dampfbadgespräch
über die Bedeutung des gemeinsamen Sich-Öffnens, à la vapeur assaisonnée.

Dann erst – doch noch einmal, erzähl‘ es, erzähl‘ es weiter, damit das
keine absurd simple Prüfung bleibt
für absurd wenige – dann erst antworten:
Magritte hat deshalb keinen Rauch hinzugemalt,
parce que pour allumer la pipe il se fia
à l’étincelle de chaque Belge/ das Anzünden der Pfeife hat er
an jeden Belgierfunken mit Schneid delegiert, an bürgerlichen
Ungehorsam, joie de vivre, vielgestaltige Leichtfüßigkeit/légèreté

Leonidasiée – NE MANGEZ PAS LES FRAISES MASSEPAIN!
DIE MARZIPANERDBEEREN SIND AUF EEUWIG GERESERVEERD

à Tom Lanoye, Amélie Nothomb, David Van Reybroeck et Lisette Lombé,
Hoeder und Hüterin des freien Wortes, protecteurs et protectrices de la liberté
d’expression.

Natürlich folgt die zweite Prüfungsfrage: Was es denn sonst sei,
si ce n‘est pas une pipe? Jetzt nur nicht zweifeln. Die Reproduktion resolut
eine Vierteldrehung machen lassen, antworten: Es ist ein spiegelverkehrtes
Fragezeichen, vermutlich ein Fingerzeig auf das gesunde
belgische Auge in Auge mit unserer
Selbst-

kritik. C‘est un point d’interrogation en miroir ou bien Magritte
qui nous dit: een Belg (sogar ein Premierminister und anfänglicher Befürworter
der Separation) wagt es, tief in den Spiegel zu blicken, sich selbst
zu hinterfragen.


Übersetzung: Isabel Hessel

© Koen Broos

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